Handwerk, Internet & Digitalisierung

Dirk Pütz, Schuhmachermeister

Diesen Erfahrungsbericht widme ich allen Handwerker-Kolleginnen und -Kollegen, ganz gleich, welcher Zunft sie angehören. Vielleicht könnt ihr von meinen Erfahrungen profitieren.

Wie ich in der Rubrik „Die Gründungsgeschichte“ bereits berichtet habe, bin ich seit 1992 selbständiger Handwerksmeister. In dieser Zeit hat sich mein Geschäft sehr gut entwickelt. Meine Kunden sind zu 99% Stammkunden. Viele von ihnen sind mir auch nach ihrem Umzug in andere Stadteile treu geblieben. Ich habe aufrichtige Freude an der Ausübung meines Handwerks. Das spüren die Kunden und ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl ein Produkt oder Dienstleistung aktiv zu verkaufen oder gar verkaufen zu müssen.

Seit 2017 besitze ich einen eigenen Internetauftritt. Er ersetzte für mich den Eintrag in die Gelben Seiten. Potentielle Kunden in der Nachbarschaft konnten mich nun finden oder die Öffnungszeiten „nachschlagen“. Zu meinen Kunden habe ich ein brillantes Verhältnis. Mit vielen von ihnen duze ich mich. Ich hatte nie das Bedürfnis, sie mit Werbeaktionen ansprechen zu müssen. In der Folge habe ich auch ihre Kontaktdaten nicht vorgehalten.

Den Trend der Digitalisierung habe ich mit Interesse verfolgt und nutze selber viele Angebote aus dem Internet. Für mein eigenes Unternehmen habe ich jedoch „keinen Bedarf“ in dieser Angelegenheit attestiert.  Was soll man bei einem Schumacher denn schon digitalisieren? Das war meine Überzeugung.

Im März 2020 ereilte uns dann alle gemeinsam der erste sogenannte Lockdown wegen der Corona-Pandemie. Auch ich musste mein Ladenlokal einstweilen schließen. Mir war auf der Stelle klar, dass mein Geschäft eigentlich, ganz ohne Gesundheitsrisiko, weitergeführt werden könnte. Ich müsste es nur schaffen, die Schuhe berührungslos anzunehmen und entsprechend wieder auszugeben. Dass die Digitalisierung von Betriebsabläufen hierbei eine Rolle spielen können, war mir zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht bewußt. Also verfolgte ich den Ansatz des „berührungslosen Warenaustauschs“ nicht weiter. Im Sommer 2020 kamen dann sogenannte „Lockerung“ und wir durften unsere Ladenlokale wieder öffnen. Es zeigte sich hier jedoch ganz klar, dass die Menschen nur zögerlich in die Geschäfte zurückkamen. Zu diesem Zeitpunkt wünschte ich mir zum ersten mal, die E-Mail-Adressen meiner Stammkunden vorgehalten zu haben. Leicht hätte ich sie mit der Information: „Wir haben geöffnet – und achten auf die Hygieneregeln“ versorgen können.

Zur Jahreswende 20/21 kam ich mit einer Stammkundin ins Gespräch. Sie fragte mich, warum ich denn keinen Onlineshop betriebe. Für sie persönlich sei es einfacher, die Schuhe per Post zu senden, als die Schuhe mit dem eigenen Auto durch mehrere Stadteile zu transportieren. Sie gehörte zu den eingangs erwähnten Stammkunden, die auch eine längere Anfahrt mit dem eigenen PKW nicht scheuen. Corona spielte bei diesem Gespräch übrigens keine Rolle. Da die Kundin IT-Unternehmerin war, konnte sie erklären, was zum Aufbau eines Onlineshops notwendig ist.

Wir entwickelten dann bereits im ersten Gespräch die grundlegende Idee vom „DeinSchuhmacher.online“. Alle Kunden sollten die Möglichkeit bekommen mit wenigen Mausklicks ihre Schuhpflege und -reparatur zu beauftragen. Im Bereich Köln-Stadt sollte die Abholung und Auslieferung der Schuhe per Fahrradkurier erfolgen.

Nach dem Gespräch wurde mir dann klar, welche Möglichkeiten sich mir mit einem Online-Angebot auftun.

1. Ich kann potentielle Kunden ansprechen, die corona-bedingt derzeit Kontakte meiden.

2. Ich spreche potentielle Kunden an, die keine Zeit haben, während der regulären Öffnungszeiten zu mir in die Schuhmacherwerkstatt zu kommen.

3. Mein Angebot ist plötzlich nicht mehr durch die Erreichbarkeit meines Ladenlokals eingeschränkt. Ich kann meine Handwerksleistung prinzipiell überall anbieten – deutschlandweit.

4. Da uns die Kunden ihre E-Mail-Adressen hinterlassen, kann ich sie nun gezielt mit Angeboten ansprechen.

5. Ich kann meine Arbeiten nun im voraus planen. Durch die Oneline-Bestellung wissen wir genau, wann die Schuhe bei uns eintreffen und welche Arbeiten gewünscht sind.

Warum schreibe ich das hier so ausführlich? Liebe Handwerker-Kolleginnen und -Kollegen! Wenn mich die Kundin damals gefragt hätte, ob ich die Abläufe in meinen Schuhmacher-Geschäft digitalisieren wolle, hätte ich dies wahrscheinlich verneint. Durch die Auseinandersetzung mit dem Online-Shop waren mir die Vorteile jetzt nicht nur klar vor Augen, sondern ich wollte direkt durchstarten. Innerhalb von 6 Wochen entstand der komplette Internet-Auftritt, den ihr hier seht. Mir ist klar, dass ein Online-Shop nicht für jedes Handwerk die Lösung darstellt. Ich bin mir aber sicher, dass ihr Teile meiner oben geschilderten Erfahrung auch in eurem eigenen Betrieb nutzen könnt. Es würde mich freuen, wenn ich euch den Thema „Digitalisierung“ ein wenig näher gebracht habe.

Viele Grüße

euer Dirk Pütz

P.S. Heute weiß ich übrigens, dass es deutlich klimaschonender ist die Schuhe für den Transport der Paketpost zu übergeben, als sie mit einem SUV durch Köln zu fahren.